Dear Me, I Was
Ein leises, bildgewaltiges Interaktiv‑Album über Kunst, Alltag und das Vergehen der Zeit – großartig anzusehen, bewusst minimal zu spielen.
Plattform: Nintendo Switch 2 (digital) · Release: 31.07.2025 · Preis: 7,99 € · Spielzeit: ca. 40–60 Minuten · Altersfreigaben: PEGI 3 / USK 0
Kurzfazit
Dear Me, I Was ist eine 40–60‑minütige, wortlose Bilderzählung, die mit Aquarellen und Rotoskopie eine intime Biografie zeichnet. Als Kunstwerk besticht es mit Stilgefühl und Präzision; als Spiel ist es bewusst zurückgenommen. Wer visuelle Poesie mag, erhält ein dichtes, respektvolles Erlebnis – wer Interaktivität sucht, findet hier eher ein digitales Bilderbuch.
Kontext und Anspruch
Arc System Works wagt mit Dear Me, I Was eine klare Abkehr vom Lauten: Keine Dialoge, keine Texttafeln, keine Tutorials – die Bildsprache trägt alles. Das Projekt entstand laut Angaben in einem überwiegend weiblichen Kernteam und legt spürbar Wert auf Perspektive, Empathie und die Würde des Alltäglichen. Kunst statt Spektakel.
Worum es geht – ohne Worte
Wir begleiten eine namenlose Protagonistin durch Etappen eines gewöhnlichen Lebens: Kindheit, Aufbruch, Liebe, Verlust, Routine, Altwerden. Der Clou: Wiederkehrende Rituale (Frühstück, Skizzen, kleine Handgriffe) geben Halt, während Zeitsprünge große Wendepunkte nur andeuten. Die Erzählung ist universell, aber nie reißerisch – eher leise Beobachtung als große Dramaturgie.
Präsentation: Aquarell trifft Rotoskopie
Art Director Taisuke Kanazaki setzt auf kräftige Wasserfarben, klare Linien und rotoskopierte Animationen. Das verleiht Gesten Gewicht: ein Zögern der Hände, ein Atemzug, ein Blick zur Seite. Farbpaletten wechseln als emotionaler Kompass – warm bei Nähe, kühler bei Distanz, monochrom bei Trauer. Die Bildgestaltung erinnert an grafische Romanzen à la Hotel Dusk und Another Code, aber mit moderner, flächiger Farbdynamik.
Der Ton bleibt zart: viel Klavier, zurückhaltende Ambients. Keine Dialoge bedeutet: Musik und Stille führen. Das funktioniert erstaunlich oft – in manchen Übergängen hätte ein Hauch mehr Dynamik allerdings zusätzliche Tiefe gebracht.
Interaktivität: die kleinste Geste
Spielerische Eingaben sind minimal und symbolisch. Beispiele:
- Mit dem linken Stick oder Touch eine Illustration „freilegen“.
- Ein Objekt antippen, um eine Alltagshandlung auszuführen (z. B. essen, zeichnen).
- Kurze Point‑and‑Click‑Momente ohne Rätsel oder Misserfolg.
Steuern lässt sich das Ganze wahlweise per Tasten, Touch oder den Joy‑Con‑2‑Mausoptionen – nett für die Haptik, aber spielmechanisch bleibt es Beiwerk. Die Interaktion dient Nähe und Rhythmus, nicht Herausforderung. Das ist konsequent, aber polarisierend.
Struktur, Tempo, Pacing
Die Kapitel sind vignettenhaft und bewusst knapp. Motive tauchen wieder auf, schaffen Resonanzräume – doch die Kürze hat zwei Seiten: Sie verhindert Kitsch und hält das Erzähltempo hoch, lässt manchen Moment aber zu schnell verfliegen. Gerade Übergänge zwischen Lebensphasen hätten mehr Atem gut vertragen. Wer gerne Bedeutungen zusammensetzt, wird das mögen; wer klare Leitplanken braucht, fühlt sich zu wenig geführt.

Themen und Lesarten
Alltag als Bühne
Das Spiel feiert Routinen: Kochen, Putzen, Skizzieren. Diese Handlungen werden zu Ankern, an denen sich Erinnerung und Identität festmachen. Je älter die Figur wird, desto stärker wirkt das Wiederkehrende – tröstlich und fragil zugleich.
Farbe als Gefühl
Farbwechsel übernehmen die Funktion von Dialogen: Wärme bei Nähe, Entsättigung bei Verlust, harte Kontraste bei Konflikt. Die klare Farbdramaturgie macht das Geschehen intuitiv lesbar – auch ohne Worte.
„Sag es mit einem Farbton statt mit einem Satz“ – so ließe sich die Leitidee zusammenfassen.
Bedienung, Optionen, Barrierefreiheit
- Keine Leselast: Wortlose Inszenierung ist sprachunabhängig und niederschwellig.
- Eingaben mit geringer Präzisionsanforderung: gut geeignet für Gelegenheitsspielende.
- Kontrast und Farbdominanz sind stilistisch variabel; wer farbbezogene Einschränkungen hat, könnte in entsättigten Passagen Orientierung verlieren.
- Kein Zeitdruck, kein Scheitern – damit sehr zugänglich, aber spielerisch wenig fordernd.
Umfang & Preis-Leistung
Ein Durchgang dauert etwa 45 Minuten. Der Preis ist moderat, die Erfahrung klar umrissen: ein kuratiertes, einmaliges Intermezzo. Wiederspielwert entsteht durch neue Lesarten einzelner Bilder, nicht durch alternative Pfade oder Mechanik‑Tiefe.
Für wen geeignet?
- Unbedingt anschauen, wenn du Kunstbuch‑Ästhetik, Kurzfilme und meditative Erfahrungen liebst.
- Mit Vorsicht, wenn du narrative Bindung über Dialoge brauchst.
- Eher nichts für Fans von Rätseln, Systemtiefe oder klassischer Progression.

Warum unsere Wertung so ausfällt
Dear Me, I Was überzeugt ästhetisch und konzeptionell, verfehlt aber durch seine Kürze und Zurückhaltung gelegentlich den emotionalen Einschlag, den es anstrebt. Die Interaktivität ist stimmig, jedoch kaum eigenständig – sie kommentiert die Bilder, statt ein zusätzliches Bedeutungsfeld zu öffnen. In Summe bleibt ein starkes Kunststück, das als Videospiel bewusst minimal bleibt.
Fazit
Ein sensibles Stück über das Menschsein – klar in der Form, edel in der Ausführung, kurz im Nachhall. Wer sich auf 40–60 Minuten wortlose Ästhetik einlässt, wird reich belohnt; wer Spieltiefe erwartet, sollte die Erwartung justieren.
Wertung: 6/10
Fakten & Rahmen
Switch 2 exklusiv
Digital only
Einspielerfahrung
Kurzformat
- Release: 31.07.2025 (digital)
- Preisempfehlung: 7,99 € (UVP)
- Spielzeit: ca. 40–60 Minuten
- Altersfreigabe: PEGI 3 / USK 0
- Steuerung: Tasten, Touch, Joy‑Con‑2‑Mausoption
- Team‑Hinweis: überwiegend weibliches Kernteam
Pro
- Überragende Aquarell‑Optik und nuancierte Rotoskopie
- Mutige, wortlose Erzählhaltung – universell verständlich
- Feines Sound‑Design, das Bilder atmen lässt
- Konzise, kitschfreie Inszenierung
Contra
- Sehr geringe Interaktivität, kaum Systemsinn
- Mitunter zu hohes Tempo, wenig Raum für kathartische Momente
- Emotionale Distanz möglich durch fehlende Kontextmarker (Namen, Daten)
Tipps für den besten Eindruck
- In einer ruhigen Session ohne Ablenkung spielen – Kopfhörer empfehlen sich.
- Touch‑ oder Maussteuerung probieren, um die „Geste“ bewusster zu erleben.
- Nach dem Abspann einzelne Kapitel erneut betrachten – Details gewinnen.
Getestete Fassung: Nintendo Switch 2 · Stand: 11.09.2025 · Bewertung basiert auf der veröffentlichten Version und eigenem Spieleindruck.
